Kinospot.de testet die Kinotauglichkeit der neuen Software
Ein guter Freund, den du aus Jugendtagen kennst und von dem du lange nichts mehr gehört hast, meldet sich zurück und will auch gleich mit dir ins Kino. Jetzt steht er plötzlich vor der Tür, sieht blendend aus, jünger als je zuvor aber stinkt so penetrant nach Hubba Bubba, daß du aus den Latschen kippst: Final Cut Pro X ist da!
Was soll man von einem Videowerkzeug halten, das für schmales Geld im App-Store zwischen so wichtigen Spielen wie "Papermunchers" und "Brenn Zombie Brenn!" feil geboten wird?
Was Apple seinen Profi-Nutzern in den letzten Wochen angetan hat war starker Tobak und ein Paradebeispiel für mieses Marketing, denn bei Apple ist ja alles immer so geheim, daß nicht einmal eine Kampagne zur Softwarerelease gestartet wurde. Mit dem Erfolg, dass die Gerüchteküche brodelte, nachdem die ersten Bilder und eine Präsentation auf der NAB durchs Web kursierten und mit dem Auftauchen der Software eigentlich alle zunächst enttäuscht waren.
Was kann das Tool des Teufels nun wirklich, diese Software gewordene Ausgeburt der Hölle? In den einschlägigen Foren wird noch gezetert, wir haben den Kinotest gemacht. Nach dem Download und Starten der Software erwartet den Kenner der FCP Serie ein unerwartetes Bild. Zaghaft lädt der Benutzer eine Videodatei, starrt auf den Monitor, greift zur Maus und ab diesem Moment geht eigentlich alles wie von selbst. Die Buttons sind da, wo sie sein müssen, die magnetische Timeline funktioniert wie Magie, fast alle Shortcuts tun ihren Dienst wie gehabt. Auch der Schnitt auf zwei Monitoren sieht schick aus. Verdammt noch mal, so was darf eine Software zu diesem Preis doch gar nicht! Besonders nicht, da alle Videosequenzen bei Kinospot.de immer als 2K ProRes 4444 Dateien anliegen, ein Codec, der ja nicht gerade für schmales Datenaufkommen steht.
Ja das macht den Videoprofi sauer. Und dann lege ich jetzt noch eine Schippe nach und vergleiche Final Cut Studio X, das billigste kommerzielle Schnittprogramm auf dem Mac mit dem derzeit teuersten - Autodesk Smoke. Knappe 13 000 Euro trennen die beiden Softwarepakete und ansonsten weniger als man denkt!
Mein erster Eindruck war jedoch so. Cliphandling (Skimming), Arbeit auf nur einem Viewer, integrierte Compositingwerkzeuge, die in die Software integrierte Anbindung an das 3D Compositing Werkzeug Motion, Farbkorrektur mit Secondary Correction, sowie Aufbau und GUI-Design erinnern auf den ersten Bilch ein wenig an Smoke mit einer satten Priese iMovie!
Klar, es gibt einen Haufen Unzulänglichkeiten, fehlende Schnittlisten, Probleme bei der bandbasierten Arbeit, nicht abwärts kompatibel, Abstürze, mangelnde Unterstützung von Videokarten aber hey - Apple hat mit Final Cut Pro X eine Software gebastelt, die Editorial Finishing zum Schmalfilmpreis bietet. Wenn auch nur sehr reduziert, wenn auch nur in Verbindung mit Apple Motion, wenn auch nur mit einer so unglaublich abgespeckten Version von Color, dass man den Einfluss auf FCP X kaum mehr anmerkt.
Zu Tode gewürzt wurde die Software mit Hobbyfilmer-Trash aus der iMovie Ecke. Kein Profi braucht Gesichtserkennung, das allgegenwärtige "aus iMovie" importieren, senden an Facebook, YouTube und andere Amateurfilmschleudern. Damit hat Apple es geschafft, das Paket und sämtliche Glaubwürdigkeit gegen die Wand zu fahren. Mal davon abgesehen von den groteken Stilblüten der Übersetzer oder muss eine Materialsammlung wirklich mit "Neuer Termin" heißen? Viele Unzulänglichkeiten verzeihen Profis bei einer von Grund auf neu geschriebenen Software, aber sie jahre lang warten zu lassen um dann ihre Intelligenz zu untergraben, das war ein "Jaw dropper" der ganz eigenen Art.
Aber zurück zu den schönen Dingen im Leben. Der Schnitt unseres Kinospots lief schnell und effektiv und auch der Export direkt aus dem Programm funktionierte reibungslos und zügig. Der Werte Nutzer findet den Video-Export gut versteckt unterhalb dem unglaublich wichtigen Menüeintrag CNN iReport. Aber wie fügt sich FCP X in die Kino Produktionsabläufe, bekomme ich TIF oder DPX Sequqenzen für das DCP Encoding, oder die Filmbelichtung? TIF wird direkt bereits aus der Anwendung heraus unterstützt. Aber wie steht es mit DPX oder openEXR?
Kurzerhand Compressor heruntergeladen und 40 Euro für die bereits installierte Software bezahlt, denn mit der "neuen Version" bekommt man dasselbe Produkt wie bisher mit den gleichen Bugs und Pannen und den beliebten "Service Down" Abstürzen. Zumindest dort fühlt man sich heimisch.
Auch nach dem Download des "Codec Packs" kann Compressor zwar DPX exportieren kommt jedoch beim Import nicht mit jeder DPX Variante klar.
Irgend etwas bei der Interpretation des 12-Bit Farbraums der Prores 444 geht hier mächtig daneben. Na gut dann eben anders. Geköst wird das Problem der Formatwandlung über Apples Gradingsoftware Color, da geht die Wandlung von und zu DPX ausgezeichnet, aber diese Software wurde ja mit der Einführung von Final Cut Pro X eingestellt.
Gemischt wurde der 5.1 Ton dann auch nicht in Final Cut Pro X - wie auch? Da von Soundtrack Pro ja nur noch ein paar Filter übrig geblieben sind. Weder Fader noch Masteringwerkzeuge gibt es bislang und auch die Pegel können nicht anständig überprüft werden. Da hat die Software noch einen weiten Weg vor sich. Bitte Apple, kein vorschnelles Logic Pro X herausbringen mit Spracherkennung und Senden an MTV, wir müssen noch auf irgend einer Software mischen!
Fazit
Final Cut X ist faszinierend simpel und bringt Filmschnitt auf den Punkt. Es ist das schnellste und intuitivste Schnittsystem auf dem Markt.
Final Cut Pro X hat Potential, bei dem niemand wirklich weiß, ob Apple ein nachhaltiges Interesse daran hat, es auszubauen, oder ob es in naher Zukunft die MAC PRO Hardware und Software-Linie überhaupt noch geben wird. Die finanziellen Mittel sollte die Telefonfirma aus Cupertino doch haben, allein schon um es den Konkurrenten zu zeigen.
Aber wer wie ich schon lange im Filmbereich arbeitet hat vieles kommen und gehen sehen. Wir schnitten einst auf Autodesk/Discreet Edit, nutzten Combustion, nutzten Shake, nutzten Final Touch und Rayz - Apple kaufte die ganzen Firmen auf oder im Falle Combustion und Edit nur deren Entwickler. Alle Softwarepakete wurden mehr oder weniger lustlos in das Produktportfolio von Apple integriert vieles ist rückstandslos vom Markt verschwunden. Zuletzt Color (Final Touch), DVD Studio Pro, Livetype und Soundtrack Pro. Wohin der Weg auch geht, Final Cut X macht bis dahin einen ganz guten Schnitt.
